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Radsportverein Fürstenberg/Havel e.V.
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ITF Potsdam-Stockholm-Potsdam

Die 24. Internationale Touristische Friedensfahrt (ITF) rollte vom 30. Juni bis zum 16. Juli 2007 über Europas Straßen. Diesmal war Günter Voitus vom RSV 94 Fürstenberg dabei und berichtete von den etwas mehr als 2000 Kilometern bei Potsdam-Stockholm-Potsdam.

Wasser, Gegenwind und kleine, saubere Dörfer

Schon beim Start am Marstall in Potsdam bekommen wir einen Vorgeschmack auf die ersten Tourtage. Heftiger Regen prasselt auf die 52 Teilnehmer der 24. ITF herab, als sie sich unter Begleitung von radelnden Polizisten auf den Weg zum ersten Etappenziel, Zielow (Müritz), machen. Der Wind sorgte dafür, dass die Temperaturen nicht zu sehr stiegen und gleich sieben Teilnehmer erwischte es schon am Starttag mit Reifenschäden. Dennoch wurde mit 33 km/h ein zügiges Tempo vorgelegt. So waren die ersten 150 Tourkilometer nach etwas mehr als fünf Stunden absolviert und es folgte ein Abend der Entspannung.

Auch der zweite Tourtag begann regnerisch. Doch irgendwann riss die Wolkendecke auf und in Warnemünde, dem zweiten Etappenziel, gab es endlich etwas Sonnenschein. Wieder gab es auf den 155 km etwas Aufregung, weil zwei Stürze unter Beteiligung von Pkw zu verzeichnen waren. Zum Glück ging alles glimpflich aus. Das Gros der Autofahrer, das gilt sowohl für Deutschland als auch für unsere ersten Kilometer in Schweden, agiert aber ebenso rücksichts- wie verständnisvoll. Den zweiten Tag beschlossen wir auf der Fähre nach Trelleborg, die um 22 Uhr ablegte.

Es war keine Überraschung, dass uns am Morgen um 6.15 Uhr, als wir von Bord gingen, erneut ein heftiger Regenschauer begrüßte. Doch als der offizielle Start um 8 Uhr erfolgte, hatte der Himmel seine Schleusen geschlossen. Es war allerdings empfindlich kühl und uns blies ein heftiger Wind ins Gesicht. Eine erste Gruppe ging die Etappe von Trelleborg nach Vittsjö sehr sportlich an. Um wenigstens etwas von der Landschaft genießen zu können, schloss ich mich lieber einer zweiten Gruppe an, die mit einem Durchschnittstempo von etwa 26 km/h zwar zügig, aber nicht zu sportlich unterwegs war. Durch den ständigen Gegenwind waren die 155 km in die Provinz Schonen dennoch sehr anstrengend. Auf hügeliger Strecke ging es durch Wälder und kleine, saubere Dörfer. Auch die Etappenorte der ITF in Schweden sind meist recht klein und wir sind in Jugendherbergen untergebracht. Immerhin hat Vittsjö, unser erste schwedischer Stopp, einen bekannten Sohn. Der bekannte Fußballer Fredrik Ljungberg (Arsenal London) stammt von hier.

Freundliche Schweden, unfreundliches Wetter

Es ist schade. Im Gegensatz zu den Menschen - selbst die "natürlichen Feinde" der Radler, die Autofahrer, sind hier äußerst geduldig, hupen meist zum Gruß und überholen nur, wenn genügend Platz vorhanden ist - präsentiert sich das Wetter in Schweden sehr unfreundlich. Der Regen war ein ständiger Begleiter auf unserer 145-km-Etappe von Vittsjö nach Gnosjö. Weil ich mir eine Bindehautentzündung eingehandelt habe, war die schöne Umgebung für mich praktisch "unsichtbar", zu sehr musste ich mich auf die Straße und meine Mitfahrer konzentrieren. Da fällt das Fahren bei ständigem Gegenwind und kühlen 14 °C doppelt schwer.

Auf der fünften Etappe von Gnosjö nach Skara blieb die Kühle, immerhin sind wir aber dem Regen entkommen. Alle Eindrücke der Fahrt muss ich aber im Kopf speichern, denn meinen Fotoapparat habe ich nach den Erfahrungen des Vortages lieber regensicher verpackt. Die ersten 35 Kilometer führten durch herrlichen Birken- und Nadelwald, allerdings auf nichtasphaltierten Wegen. Äußerst giftige "Pickel", stetige Anstiege von bis zu 10 Prozent, sorgen dafür, dass die Strecke sehr schwer ist. Da kommt es darauf an, die richtige Übersetzung zu wählen und das Rad in der Balance zu halten. Später wurde es etwas leichter, führte uns die Tour doch wieder über befestigte Haupt- und Nebenstraßen. Beim ersten Buffet nach etwa 70 Kilometern legte ich eine kurze Rast und ein "Mittagsschläfchen" ein und schloss mich der nächsten vorbeiradelnden Gruppe an. Unterwegs kamen wir an einer alten Klosterruine (13. Jahrhundert) vorbei, die schon anzeigte, dass wir uns in einer der traditionsreichsten Gegenden Schwedens befinden. Skara, unser Etappenziel, lud zu einem abendlichen Bummel ein, bei dem ich auch gleich die Einkäufe für den nächsten Tag tätigen konnte. Die Hauptstadt der Region Skaraborg ist etwa so groß wie Zehdenick und war im Mittelalter ein bedeutendes religiöses und kulturelles Zentrum.

Die 6. Etappe ist die Königsetappe! Bis nach Örebro sind es 185 Kilometer. Wegen völlig verkrampfter Nacken- und Schultermuskulatur habe ich es allerdings vorgezogen, mich zwischendurch für 50 km im Auto aufzulockern. Die ersten 70 km, erneut bei Kälte und Regen, hatten mir zu sehr zugesetzt. Nach der Pause fühlte ich mich wie neugeboren und konnte mit der ersten Gruppe weiterfahren. Die Strecke führte teilweise auch am Vätternsee vorbei. Schwedens zweit- und Europas fünftgrößter See ist unter Radsportfreunden auch wegen der "Vätternsee Ronde" bekannt. Unser Vereinskamerad Bernhard Gruner hat die 300-km-Tour im Vorjahr mitgemacht.

Örebro ist bedeutend größer als Skara - fast 100.000 Menschen leben hier. Wir nutzten die Suche nach dem Nachtquartier zu einer Erkundungs- und Besichtigungstour. Obwohl mit vielen alten Sehenswürdigkeiten gesegnet, ist der Svampen, ein moderner, pilzförmiger Wasserturm, das bekannteste und markanteste Wahrzeichen der Stadt.

Halbzeit bei der Regentour

Die 7. Etappe unserer "Regentour", von Örebro nach Estilstuna, war nicht nur kurz (110 km) sondern auch endlich einmal regenfrei. So konnten wir einen Abschiedsblick von der 60 Meter hoch gelegenen Aussichtsplattform des "Pilzes", Örebros markantem Wasserturm, auf die mittelalterliche Stadt werfen, ehe wir uns dem Gegenwind und dem welligen Streckenprofil stellten. Ich trat zusammen mit meinen drei Zimmerkollegen kräftig in die Pedale (im Schnitt mehr als 30 km/h). Im Sporthotel Estilstuna bezogen wir zu viert eine der Holzhütten und genossen den Rest des schönen, teils sogar sonnigen Tages. Auf der 8. Etappe ging es nach Stockholm (148 km). Unser Begleiter, der Regen, kehrte leider wieder zurück und auch die Temperaturen sanken wieder deutlich unter die 20-Grad-Marke. Eine Überraschung war, dass unser Buffet im berühmten Schloss Gripsholm aufgebaut war, das auf unserer Tourroute lag und natürlich näher in Augenschein genommen wurde.

Auch die Wohnresidenz der königlichen Familie, Schloss Drohtningholm, durften wir ausgiebig besichtigen. Essen gab es hier aber nicht.

In geschlossener Formation fuhren wir 60 deutschen Tourteilnehmer (im Schnitt älter als 50 Jahre) in die schwedische Hauptstadt ein. Wir bezogen unsere Zimmer in einem Vandrarhem (Wandererheim/ Jugendherberge) und durften eine zweistündige abendliche Schiffstour mitmachen. Leider war alles grau in grau und regenverhangen. Dabei gab sich unsere Fremdenführerin alle Mühe, die Schön- und die Besonderheiten ihrer Heimatstadt zu erläutern.

Wir haben die Hälfte unserer knapp 2090 km absolviert.

Der sonntägliche Ruhetag war angefüllt mit allerlei notwendigen Tätigkeiten, wie dem Ordnen und Trocknen der Sachen, der Vorbereitung der Räder auf die 9. Etappe (Stockholm - Flen) sowie persönlicher Einkäufe (ist hier täglich bis 22 Uhr möglich). Dazwischen nutzte ich auch die Möglichkeit, mich in Stockholm umzusehen und ein erholsames Mittagsschläfchen zu halten.

Bislang läuft die Tour, abgesehen vom Wetter, gut. Die Organisation funktioniert und wenn wir doch einmal Sorgen haben, so wendet sich unser Fahrersprecher Siegfried Wustrow (zweimaliger Vize-Weltmeister), der schon zum 21. Mal bei der ITF fährt, an die Verantwortlichen.

Moskauer Duo als Verstärkung

Nach dem Ruhetag geht es mal regenfrei weiter. Der Wind bleibt aber unverändert heftig, es ist kühl und auf dem Weg von Stockholm nach Flen waren immerhin 1100 Höhenmeter zu überwinden. Unsere Fahrergruppe im Alter zwischen 24 und 74 Jahren hat sich vergrößert. Maxim und Alexander ans Moskau werden den Rückweg nach Berlin mit uns gemeinsam absolvieren, um dann wieder ins heimatliche Moskau zurückzureisen. Es ist nicht das erste Mal, dass die russischen Radler bei der ITF mitmachen. Wie gewohnt absolvierten wir die 130 km von Stockholm nach Flen in Gruppen, die unterschiedlich schnell fuhren. In der „Stadt der Veilchen" erwartete uns eine blitzsaubere Herberge und am Abend ein gemütliches Lagerfeuer am See. Auf der 10. Etappe von Flen nach Motala wich das morgendliche Wolkenband bis zum Mittag überraschend der Sonne. Bis zum ersten Buffet fuhr ich in der Spitze zügig mit, um dann wieder einen Gang rauszunehmen. Unser Quartier in der 30 000-Einwohner-Stadt waren Blockhütten am Vätternsee. Mit meinen Hütten-Kollegen Wolfram und Gerd aus Potsdam diskutierte ich lange über die aktuellen Dopingprobleme bei den Profis. Auf eine einheitliche Bewertung konnten wir uns aber nicht festlegen. Einen letzten Blick auf den Vätternsee konnten wir bei sonnigem Wetter werfen, bevor es weiter nach Eskjö (135 km) ging. Es war eine tolle Fahrt durch reizvolle Landschaften abseits der Hauptverkehrswege. Und die Temperaturen stiegen bis auf 26 °C, ehe unsere Siebenergruppe an der Spitze mittags ein starker Regenguss und ein Temperatursturz erwischte - das "normale" Wetter halt.

Zu viel Vertrauen ins Wetter

Vor dem offiziellen Start nach Linneryd in der Region Smaland machten wir noch eine Rundtour durch Eksjö undbewunderten die Straßenzüge mit Holzhäusern. Vom unbeständigen Wetter gewarnt, hatten wir Regenkleidung angelegt. Nach knapp der Hälfte unserer 137 Tageskilo meter waren wir trocken geblieben und verfrachteten den Ballast bei sonnigen 22 °C ins
Begleitfahrzeug. Unser Vertrauen ins schwedische Wetter erwies sich allerdings als großer Fehler, denn die letzten 50 km mussten wir im Dauerregen und bei deutlich kühleren Temperaturen zurücklegen. Irgendwie war das nicht mein Tag, denn kurz nach dem Start hatte schon meine Schaltung blockiert, sodass ich nach der Reparatur in der letzten Gruppe und teilweise sogar allein unterwegs war. Immerhin habe ich endlich mal einen Elch gesehen - allerdings auch nur einen geschnitzten.
Der Start am folgenden Tag nach Tollarp war verregnet. Als der Himmel sich aufklarte, stiegen die Temperaturen so gar auf 24 °C. Wir blieben aber lieber skep- tisch und verstauten die Regenkleidung lieber an unseren Rädern. Es war eine wunderschöne Etappe (144 km): etwas hügelig, vorbei an Wäldern, Seen, sauberen Anwesen und durch kleine Ortschaften. Beim Straßenfest in Kristianstadt genehmigten wir uns eine Pause bei Kaffee und Kuchen. Wir besichtigten auch die Schlossanlage Oversholm, ein bewohntes und bewirtschaftetes Anwesen wie aus dem Bilderbuch. Trotz des Durchschnittstempos von 27 km/h war diese Etappe wie eine Spazierfahrt. Nun nähert sich die Tour dem Ende. Schade, gerade jetzt, da man dem Wetter plötzlich trauen kann.

Der Regen gehört auch dazu

Auf unserer letzten Etappe auf schwedischem Boden fuhren wir durch eine gegenüber den vorangegangenen Tagen völlig veränderte Landschaft. Das Streckenprofil war flacher und statt von Wäldern waren wir von Getreidefeldern umgeben. Natürlich blies der Wind uns wieder kräftig ins Gesicht. Dennoch kamen wir auf den 125 km von Tollarp nach Trelleborg zügig voran und trafen uns um 12 Uhr im Yachthafen von Ystad zum Mittagessen. Die letzten 55 km an der Ostseeküste entlang war der Wind endlich einmal auf unserer Seite, sodass wir Trelleborg lange vor der Abfahrtzeit unserer Fähre erreichten. So blieb uns diesmal Zeit, die Stadt zu erkunden. Das Wetter verabschiedete uns allerdings aus Schweden so, wie es uns gut zwei Wochen zuvor empfangen hatte: mit einem kräftigen Regenguss. Wir blieben diesmal aber trocken und nahmen gegen 22 Uhr Abschied von Skandinavien.

Die Nacht auf der Fähre war kurz. Schon um 6.30 Uhr gingen wir in Rostock wieder von Bord. Zehn Teilnehmer verabschiedeten sich hier zum Teil aus beruflichen Gründen von der Tour, doch der größte Teil machte sich auf den Weg nach Zielow an der Müritz, wo wir schon auf der Hinfahrt Quartier genommen hatten.

Die Heimat hatte uns wieder und nicht nur bei uns schien die Freude darüber groß zu sein. Nach zwei Wochen mit viel Wind und kühlem Regen erwartete uns nun ein anderes Extrem. Das Thermometer kletterte auf mehr als 30 °C. Die Sonne beflügelte uns, mir liegt das warme Wetter auch mehr. So ging es in schneller Fahrt nach Waren. Beim dortigen "Müritzfest" genehmigten wir uns eine Eis-, und Kaffeepause. Einen weiteren Stopp gab es später noch am Schloss Klink, ehe wir über Röbel zur Jugendherberge Zielow weiterradelten. Hier endete für mich wie geplant die 24. Internationale Touristische Friedensfahrt. Immerhin 2170 km hatte ich zurückgelegt. Für meine erfolgreiche Fahrt nahm ich eine Teilnehmerurkunde entgegen und machte mich auf den Heimweg.

Tags darauf endete auch für die meisten anderen Mitstreiter die Tour in Potsdam. Nur die Fahrer aus dem Leipziger Raum um Siegfried Wustrow legten am Dienstag noch eine "Zusatzschicht" ein und radelten in ihre Heimatregion.

Für mich war es eine besondere Tour. Ich konnte wieder ein Land im wahrsten Sinne des Wortes erfahren und erleben, durfte neue Mitstreiter kennen lernen und interessante Gespräche führen. Zudem ergab sich die Möglichkeit, die eigene Belastbarkeit intensiv zu testen. Auch wenn das Wetter weniger schön war, gehört auch der Regen zum Radsport dazu. Der konnte meinen Entschluss zur Mitfahrt jedoch nie in Frage stellen.

RSV94
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